Federleichte Geschichten

zurück

Die Jagd nach der Phönixfeder (Teil 1)

Florian staunte nicht schlecht, als er das samtschwarze Tuch von dem kleinen Vogelkäfig herunterzog und den kleinen, aber kunterbunten Papagei erblickte.
«Alles Gute zum Geburtstag!», intonierte sein Grossvater Erwin. «Ich weiss doch, wie sehr du als Kind die alte Polly geliebt hast».

Es war Florians 16. Geburtstag. Sein Grossvater war ein pensionierter, aber leidenschaftlicher Ornithologe mit schneeweissem Haar, einem ebenso weissen, buschigen Seelöwen-Schnurrbart und einer markanten runden Brille. Kurz vor Erwins Pension musste Florian traurigerweise Abschied nehmen von Polly, dem Haus-Papagei, welchen Erwin schon seit seiner Jugend besass , und an Altersschwäche gestorben war.

Umso mehr freute sich Florian über seinen eigenen Papagei. «Ich denke, ich nenne ihn Molly», meinte er. «Freut mich, dass er dir gefällt! Und denke daran, Molly ab und zu Gesellschaft zu leisten und mit ihr zu plaudern, Papageien sind gesellige Vögel!».

Gesagt, getan, und im Handumdrehen wurde Molly zu Florians bestem Freund. Gerade während der Jahre am Gymnasium verhalf Molly Florian zum nötigen Durchhaltewillen, indem Sie mit ihm Französischvokabeln übte.
Indem er die Wörter vorlas, schnappte Molly die einen oder anderen Begriffe auf und gab sie wieder, was eine sehr gute Übung für Florian war. Mit der Zeit beherrschte der junge Papagei die Vokabeln besser als Florian selber: «Aaaarrrbre», krächzte Molly beispielsweise einmal, als Florian längere Zeit beim Wort «Baum» steckenblieb.

Es waren nun drei Jahre vergangen, und die Matura stand an. Florians Klasse würde drei Wochen zur Vorbereitung erhalten, und er reservierte sich genügend Zeit, um mit Molly Vokabeln zu büffeln – oder gar die eine oder andere Algebra-Gleichung.

Doch kurz vor der unterrichtsfreien Zeit fand Florian seinen Papagei ermattet und dösend im Käfig vor. «Molly malaaaade…» krächzte der Vogel. Florian geriet in Panik – wie sollte er sich ohne sein geliebtes Haustier auf die Maturprüfungen konzentrieren können? Im Nu griff er zum Telefon und rief Grossvater Erwin an, welcher sich sogleich auf den Weg machte und den kranken Pinguin in Augenschein nahm.

«Gepunktetes Gefieder… ein rauer Schnabel… und dieses Gekrächze! Dies ist eindeutig Influenza Ara. Es tut mir sehr leid». Florian blinzelte verwirrt. Sein Grossvater erläuterte: «Bei Influenza Ara handelt es sich um eine sehr seltene Vogelkrankheit, die praktisch unheilbar ist… Molly hat noch drei Wochen.» - «Nur praktisch?» erwiderte Florian hektisch. Er würde alle Hebel in Bewegung setzen, um Molly zu retten.

«Nun, es gibt einen Weg…» begann der Grossvater. «Eine Phönixfeder. Sie heilt alle Vögel, wenn sie schon nur in ihre Nähe kommt. Allerdings ist der Phönix ausgestorben». Florian runzelte die Stirn. «Der Phönix… das Fabelwesen…?» fragte er verwirrt. «Ja und nein», erwiderte Erwin, «der Phönix hat durchaus existiert und ist der Vorfahre verschiedenster Vögel auf den sieben Kontinenten… Hm… das bringt mich auf eine Idee…» Florian schöpfte Hoffnung.

«Wir könnten von den Nachkommen des Phönix jeweils eine DNA-Probe in Form einer Feder entnehmen, um die Phönixfeder künstlich herzustellen… hierfür müsstest du aber einen langen und beschwerlichen Weg auf dich nehmen, der dich rund um den Globus führt. Wenn ich dir deine Maturprämie schon jetzt auszahle, könntest du dir dies eventuell sogar leisten».

Florian überlegte nicht lange – er hatte ja drei Wochen unterrichtsfreie Zeit, und ohne seinen geliebten Papagei würde er sowieso keine Lust zum Lernen haben.

«Worauf warten wir denn noch», sprach Florian und packte abenteuerlustig seine Sachen», auf geht’s!

Fortsetzung folgt…
Philip Müller


Die Jagd nach der Phönixfeder (Teil 2)

Staunend betrachtete Florian die Liste, die ihm sein Grossvater zusammengestellt hatte. „Nun, es gibt auf jedem Kontinenten mehrere Nachfahren des Phönixvogels“, erklärte Erwin, „doch diese hier sind jene, welche noch am häufigsten vorkommen und am einfachsten zu finden sein sollten“.
Die Liste enthielt sieben Vögel, welche alle eine andere Gefiederfarbe aufwiesen. Und unglücklicherweise auf allen sieben Kontinenten verteilt waren. „Eine weisse Feder des Weisskopfseeadlers?“, staunte Florian. „Dies dürfte schwierig werden. Eine schwarze Pinguinfeder aus der Antarktis? Brrr. Und was bitte ist ein Kogu?“ – „Der Kagu“, korrigierte ihn sein Grossvater, „ist ein kleiner, blauer Vogel auf Neukaledonien. Er kann nicht fliegen, was es ein wenig einfacher machen sollte, ihm eine Feder abzuluchsen“. Verträumt suchte Florian auf Erwins Globus den Ort namens „Neukaledonien“ – er wurde östlich von Australien fündig. Da wollte er schon immer einmal hin! Nur, hätte er nicht gedacht, noch so kurz vor den Matur-Prüfungen…

Neben der roten Feder eines Scharlachgimpels (ausschliesslich im Himalaya-Gebirge anzutreffen), dem gelben Gefieder der „Gelbbrustara“ aus Südamerika und der Feder des grünen Turakos, welcher in der Südsahara zu finden ist, fand Florian die leichteste Herausforderung: Die graue Feder einer Ringeltaube Mitteleuropas.

„Ha, das ist einfach!“, freute sich Florian. „Bei der Taubenplage diesen Sommer sowieso. Die Viecher versuchten im Frühling, ein Nest auf unserem Balkon zu bauen…“ – „Wunderbar“, erwiderte Erwin; dann schnapp du dir mal deine erste von sieben Federn, und ich stelle dir in der Zwischenzeit ein Flugticket für die übrigen sechs Stationen der Reise aus!“.

Gesagt, getan. Vielleicht, so dachte sich Florian, müsse er noch nicht einmal eine Taube einfangen – vom Versuch der Taubenfamilie, sich auf seinem Balkon häuslich niederzulassen könnten durchaus noch einige Spuren übriggeblieben sein.
Zwischen dem Grill und der Altglas-Sammlung, wo die Nestbauversuche vor knapp zwei Monaten stattgefunden hatten, wurde Florian zwar nicht fündig – doch klebte noch das Prachtexemplar einer Taubenfeder am Balkongeländer. Grinsend schnappte sich Florian das gute Stück.
Skeptisch beäugte er die einzelnen Teile der Feder. „Und dies soll nun helfen, Molly gesund zu machen…“ sagte er zu sich selbst. Doch während er die Feder auf Mängel prüfte, glitt sie ihm zwischen den Fingern hindurch und wurde vom Winde verweht, hinweg über das Balkongeländer. Hastig schaute er ihr nach – sie wäre doch das perfekte erste Sammelstück!

Dummerweise blies die Böe die Feder wieder in das Gebäude hinein – eine Etage tiefer.

„Na toll“, grollte Florian, „ausgerechnet zu den Hubachers“. Die Hubachers waren die Nachbarn von Florians Familie; ein grimmiges, älteres Ehepaar, welches sich ständig beschwerte, wenn die Musik zu laut war. Doch was blieb ihm schon übrig – missmutig klingelte er an der Haustür einen Stock tiefer.

Wider Erwarten stand aber nicht die schrullige Frau Hubacher vor ihm, sondern ein Mädchen in seinem Alter. Mit der dicken Hornbrille und der hochgesteckten Frisur wirkte sie, als wäre sie gerade einem Wissenschafts-Camp entflohen.

„Ja?“, erkundigte sich das Mädchen. Florian zögerte, sprudelte dann aber los: „Auf deinem Balkon… äh… liegt eine Taubenfeder. Die brauche ich. Zur Synthese. Für einen Phönix. Damit Molly wieder gesund wird. Und noch andere Federn. Von quasi überall. Aber… nun ja. Lange Geschichte…“.

Gute 16 Stunden später befand sich Florian in einem Flugzeug in Richtung Südamerika – neben ihm das Mädchen mit der Hornbrille, welches Marie hiess. Es stellte sich nach längerem Gespräch heraus, dass Marie, die Enkelin der Hubachers, die Matura bereits letztes Jahr abgeschlossen hatte, gerade Semesterferien von ihrem Veterinär-Studium geniesst und noch einige Proben von mehr oder weniger seltenen Vögel für ihre erste Arbeit benötigte.

Zumindest dies erzählte sie Florian, welcher sich zwar sehr über diesen glücklichen Zufall wunderte, sich aber irgendwie auch freute, die Reise nicht alleine antreten zu müssen.

Dass Marie Mitglied eines geheimen Ordens war, welcher mit allen Mitteln den sagenumwobenen Basilisken zurück ins Leben bringen wollte, um seine düsteren Machenschaften zur Eroberung der Weltherrschaft durchzusetzen, behielt Marie vorerst lieber für sich.

Fortsetzung folgt…
Philip Müller


DIE JAGD NACH DER PHÖNIXFEDER (TEIL 3)

1 Tag zuvor

Marie seufzte, als sie verträumt ihren Monitor nach Hinweisen absuchte.
Es war nicht immer einfach, einen verrückten Wissenschaftler zum Vater zu haben; besonders dann nicht, wenn er Leiter einer Geheimorganisation war. Der Orden «Basilisks Wiederkehr» hatte sich zum Ziel gesetzt, die sagenumworbene Gestalt – halb Drache, halb Gockel – durch ein komplexes Verfahren zu klonen.

Menschen, die der Basilisk erblickt, werden augenblicklich zu Stein. Maries Vater war sich sicher, dass diese Fähigkeit destillierbar war und für ein Vermögen an bestimmte Regierungen verkauft werden könnte – man stelle sich einen künstlichen Nebel vor, der Hunderte oder Tausende im Nu versteinerte!
Das komplexe Verfahren beinhaltete sowohl eine Greifen- also auch eine Phönixfeder – eine besonders knifflige Angelegenheit, da beide Vögel mittlerweile ausgestorben waren oder, wie es die breite Öffentlichkeit sehen würde, niemals existiert hatten. Und während Gerüchte besagten, dass das Greifen-Gefieder in ausgewählten Ornithologen-Museen konserviert würde, galt es, die Feder des Phönix aus der DNA seiner Nachfahren künstlich herzustellen.

Marie wusste nicht so recht, was sie von diesen Plänen halten sollte, sagte aber nicht nein, sich ihr Taschengeld mit ein paar technischen Jobs aufzubessern – so ein Veterinärstudium war schliesslich nicht billig.

Die älteren Herren bei «Basilisk Wiederkehr» waren alle nicht besonders versiert mit dem Internet, warum sie Marie mit einer ganz besonderen Überwachungsaufgabe betrauten: Während die übrigen Ordensmitglieder gerade verschiedenste Museen auf dem Globus nach der Greifenfeder abklapperten, sollte Marie mittels einer selbstprogrammierten Software überwachen, ob niemand sonst auf der Welt auf eine ähnliche Idee kam. Die Software scannte alle gebuchten Flüge, und sobald jemand eine Reise in sämtlich Länder, in welchen Nachfahren des Phönixvogels lebten, unternahm, wurde dies auf ihrem Monitor angezeigt.

Marie staunte nicht schlecht, als sie den 19jährigen «Florian Nielsen» als Passagier in die 6 relevanten Ländern ausmachte.
Eigentlich hätte sie sofort bei ihrem Vater Alarm schlagen sollen. Doch… wie dankbar wäre der Orden wohl, wenn sie ihm bereits in wenigen Tagen eine frische Phönixfeder präsentieren konnte? Sie beschloss, sich diesem Florian an die Fersen zu heften. Die Adresse fand sie in ihrer Software; die Nachbarn im Stockwerk darunter waren kürzlich in die Ferien geflogen. Mit ihrer Abhöranlage konnte sie bestimmt einige Details über Florians Pläne in Erfahrung bringen…

Einen Tag später befand sich Marie mit besagtem Florian an Bord eines Kleinflugzeugs nach Südamerika. Wer hätte denn auch geahnt, dass der Kerl, kaum hatte sie die Abhöranlage installiert, gleich vor der Tür stehen würde? Glücklicherweise ihr half ihre blühende Fantasie, sich aus dieser Misere herauszureden – und noch besser: Es war kaum Verhandlungsgeschick notwendig, um Florian zu überzeugen, dass sie ihm auf seiner Reise eine grosse Hilfe sein würde…

Fortsetzung folgt…
Philip Müller

Von Gold und Federn

Zwei Brüder hatten nach jahrelanger Suche endlich den Tempel eines magischen Dschinns entdeckt. Dieser befand sich mitten in den südamerikanischen Anden und konnte nur mit einem kleinen Transportflugzeug erreicht werden.

Im Tempel angekommen fanden die beiden auf einem Altar die sagenumwobene Wunderlampe. Kaum hielt einer der Brüder die Lampe in den Händen, schwebte auch sogleich der Flaschengeist heraus, begleitend von einem wundersamen Zischen. Als sich der blaue Nebel, der den Dschinn umgab, langsam lichtete, sprach der Geist mit tiefer Stimme:

«Ihr habt meinen Tempel gefunden. Ein jeder von euch soll eine Belohnung erhalten – sein eigenes Gewicht in Gold – oder in Daunenfedern. Wählet weise!».

«Haha, das ist einfach», sprach der jüngere Bruder. «Natürlich wähle ich mein Gewicht in Gold!». Auf der stelle erschien eine Miniatur-Ausgabe des Bruders in purem Gold. Dieser hatte Mühe, die wertvolle Fracht hochzuheben, wog sie doch gleichviel wie er selbst.
«Ich entscheide mich für die Federn», verlautete der ältere Bruder. Der andere machte daraufhin ein langes Gesicht. «Bist du wahnsinnig? Was willst du mit so vielen Federn? Stell dir vor, was wir mit all dem Gold alles anstellen könnten!». Doch der Ältere lächelte nur wissend.

Nach mehreren Stunden gelang es den beiden Brüdern, die vielen Federn in dutzenden Jutesäcken zu verstauen und sie, zusammen mit der goldenen Statue, in das kleine Transportflugzeug zu laden. Kopfschüttelnd schloss der jüngere die Ladeluke und setzte sich ins Cockpit.

Eine halbe Stunde nach Abflug realisierte der jüngere Bruder, dass sie aufgrund des zusätzlichen Gewichtes bereits auf halbem Wege fast den gesamten Treibstoff verbraucht hatten. «Wir müssen Ballast abwerfen! Schnell, öffne die Ladeluke und werde die vermaledeiten Federn los!». Gesagt, getan: Mit einem einfachen Knopfdruck öffnete sich der Boden des Flugzeuges und die Jutesäcke verschwanden in der Tiefe.

Als sie dennoch weiterhin bedrohlich an Höhe verloren, beschloss der jüngere Bruder schweren Herzens, sich auch von der Goldstatue zu trennen. Ein weiterer Knopfdruck und einige Anstrengung waren nötig, um den Schatz aus der Luke zu hieven.

All die Mühe war vergebens, denn der Sprit war bereits aufgebraucht. «Wir stürzen ab!» schrie der jüngere Bruder in Panik, als die Maschine immer schneller auf den Boden zuraste. «Lass uns rausspringen», meinte der ältere. «Spinnst du? Wir haben keine Fallschirme dabei!» gab der Jüngere zu bedenken. «Vertrau mir», sprach der Ältere. Nach kurzem zögern gingen die beiden von Bord, und das Kleinflugzeug zerschellte an der nächsten Felswand.

Als der jüngere Bruder wieder zu sich kam, lag er auf einem Berg von gepolsterten Jutesäcken – die Federn hatten seinen Aufprall abgefangen und ihm das Leben gerettet. Blinzelnd schaute er auf und erblicke seinen Bruder – dieser lag grinsend auf einem Federsack, in den Händen zwei Brocken Gold, zufrieden mit sich und der Welt.

Philip Müller


Die Fabel vom federleichten Bärenkind

In einem Wald lebte eine Bärenfamilie. Ihr Ruf als bärenstarke Hüter des Waldes eilte ihnen weit voraus: Grossvater Bär hatte einst eine umgefallene Eiche emporgehoben, um ein eingeklemmtes Fuchsjunges zu retten. Papa Bär war so stark, dass er jeden Winter die Bärenhöhle mit blossen Tatzen verschliessen konnte, indem er einen mächtigen Felsen vor den Eingang rollte. Auch der älteste der Söhne war ungewöhnlich stark – er konnte mit je einem erlegten Wildschwein auf jeder Schulter tagelang wandern.

Der jüngste Bär der Höhle aber stellte sich mit der Zeit als Sorgenkind heraus. Die Eltern fütterten es unentwegt, doch wollte es einfach nicht an Gewicht zulegen. Im Frühling, als das Bärenkind die Waldschule besuchen sollte, wog es gerade mal etwas mehr als ein durchschnittliches Eichhörnchen.

Die erste Zeit in der Schule war hart für das Bärenkind. Als Sonderling wurde es ständig gehänselt. «Was für ein Schwächling», meinte das Dachskind, «gar meine Grossmutter kann mehr Eicheln tragen als du!». Das gemeine Luchskind schubste das Bärenkind gar einmal mit einer lässigen Bewegung einfach in den Waldbach. Mit triefendem Fell trottete das Bärenkind nach Hause und grämte sich. «Ich bin viel zu leicht», dachte der junge Bär, «wenn ich nicht bald an Gewicht zulege und stärker werde, bin ich für nichts zu gebrauchen!». Doch auch als der Herbst sein Ende nahm und der erste Schnee fiel, wog er nicht viel mehr als zuvor.

«Mach dir keine Sorgen», sprach Papa Bär, als er abermals den mächtigen Stein vor die Höhle rollte. «Ich bin mir sicher, im nächsten Frühling fangen wir ein paar fette Wildschweine, die werden dich gross und stark machen!» - und so begab sich die Bärenfamilie in den Winterschlaf.

Doch schon nach ein paar Tagen klang ein jämmerliches Schluchzen und Weinen an die Ohren des dösenden Bärenkindes. Gähnend richtete es sich auf und verliess die Höhle durch einen kleinen Spalt.

Einige Schritte aus dem Wald heraus auf einer kleinen Lichtung befand sich ein Weiher, der mittlerweile zugefroren war. Auf der Mitte des Eises befand sich ein Luchs-Baby – die kleine Schwester des gemeinen Luchskindes von vergangenem Schuljahr. Das Luchskind stand mit seiner ganzen Familie am Rand des Tümpels und beobachtete entsetzt, wie sich erste Spalten im Eis bildeten. «Das Eis wird bald brechen!» rief der Luchsvater in Angst; «dann ist es um unser Jüngstes geschehen!». Das Luchskind wollte seiner Schwester zur Rettung eilen, doch schreckte es zurück, als die Eisschicht bereits nach dem ersten Schritt zur brechen drohte.

Das Bärenkind fasste sich ein Herz und sprintete über das Eis hinweg in die Mitte des Tümpels; federleicht glitt es über das Eis, ohne auch nur einen Kratzer zu hinterlassen. Es packte das Luchsbaby am Genick und zog es zurück zu seiner Familie.

Nach überschwänglichem Dank lud das Luchskind das Bärenjunge noch zu seinem Bau zum Spielen ein. «Danke», meinte der junge Bär, «aber ich sollte nun wieder in meine Höhle und weiterschlafen».

Dort angekommen versank das Bärenkind in die wildesten Träume, welche Abenteuer es mit seinem neuen Luchsfreund nächstes Jahr wohl erleben würde. 

Philip Müller


Die Ballade vom gelangweilten Riesen

Ein Riese versperrte einst den Pass eines Dorfes in die nächstgelegene Stadt. Dies entwickelte sich in der Dorfgemeinschaft zunehmend zum Ärgernis, da der Riese einen jeden frass, der versuchte, an ihm vorbeizuschleichen. Bald würde der Winter anbrechen, und die Vorräte gingen zur Neige – jemand musste an dem Riesen vorbei, um die Händler der Stadt aufzusuchen.

«Sei doch vernünftig, oh gütiger Riese», sprach der Bürgermeister zu dem Riesen, als sich der gesamte Dorfrat am Pass versammelte. «Wir müssen zur Stadt hindurch, sonst werden wir verhungern».
Der Riese überlegte kurz und sprach dann mit grollender Stimme: «Nun gut. Ich hatte seit Jahren nichts mehr zu lachen, mir ist langweilig. Wenn mich jemand von euch so richtig zum Lachen bringen kann, ziehe ich weiter!».

So denn begaben sich Gaukler, Clowns, Jongleure und andere Witzbolde auf zum Pass und erzählten ihre besten Witze. Der Riese aber gähnte jeweils nur und verschluckte die bedauerlichen Zeitgenossen in einem Happen. 

Der Dorfrat sah ein, dass auch dieses Unterfangen scheitern würde und beschloss, dem Riesen mit Gewalt an den Kragen zu gehen. Eine kleine Armee hatte sich bereits am Dorfrand gesammelt, die Schwerter zum Kampf erhoben. Da trat ein kleiner, unauffälliger Dichter hervor.

«Wartet zu!» Sprach das Männlein, «ich habe eine letzte, verrückte Idee. Wartet auf der letzten Lichtung vor dem Pass; sollte ich scheitern, könnt ihr euer Schwertglück beim Riesen versuchen».
Die Soldaten staunten nicht schlecht, als sie von der Waldlichtung her zum Pass linsten, wo sich der mutige kleine Dichter vor dem Riesen aufbaute.

«Oh Riese», begann er, «landauf, landab ranken sich Gerüchte über deine Taten. Lass mich deine Geschichte niederschreiben, auf dass du noch berühmter und schrecklicher wirst!»
Das Gesicht des Riesen verfinsterte sich. «Zum Lachen bringt mich das zwar nicht, aber wenn du eine gute Geschichte schreibst, dann friss ich dich dafür nicht!»
«Sehr gütig», sprach der kleine Dichter und setzte sich unter den Fuss des Riesen. Dort zog er eine Rolle Pergament hervor – und seine Schreibfeder.
Wie beiläufig streckte sich der kleine Mann, gerade so, dass die Feder den grossen Zeh des Riesen streichelte. Der Riese zuckte.

Der Dichter liess nicht nach, wedelte weiter mit der Feder und stürzte sich auf den Fuss des Riesen und kitzelte, als hänge sein Leben davon ab. Der Riese gluckste zunächst, prustete dann los und lachte schliesslich Tränen.

«Nun denn, du kleiner Schlawiner – du hast mich überlistete. Ich ziehe los und suche mir eine anders Dorf, dass ich belagern kann». Kaum waren seine Worte gesprochen, stapfte der Riese talaufwärts und war nicht mehr gesehen.

Der Hauptmann der Armee war erstaunt und sprachlos. «So ist die Feder eben doch mächtiger als das Schwert!»,, meinte der Dichter schmunzelnd.

Philip Müller


DAS GERÜCHT

Ein Mann hatte über seinen Nachbarn schlecht geredet. Dieser hatte von den Gerüchten gehört und stellte ihn zur Rede. «Ich werde es bestimmt nicht wieder tun,» versprach der Mann. «Ich nehme alles zurück, was ich über dich erzählt habe.» Der Nachbar schaute sein Gegenüber ernst an. «Ich habe keinen Grund, dir nicht zu verzeihen,» erwiderte er. «Jedoch verlangt deine Tat eine Wiedergutmachung.» «Ich bin gerne zu allem bereit,» sagte der Mann zerknirscht. 

Der Nachbar erhob sich, ging in sein Schlafzimmer und kam mit einem großen Kopfkissen zurück. «Trag dieses Kissen bis zu dem Haus, das hundert Schritte von meinem entfernt steht», sagte er. «Dann schneide ein Loch in das Kissen und komme wieder zurück, indem du unterwegs immer eine Feder nach rechts und eine Feder nach links wirfst. Das ist der erste Teil der Wiedergutmachung». Der Mann tat, wie ihm geheißen. Als er wieder vor dem Nachbarn stand und ihm die leere Kissenhülle überreichte, fragte er: «Und was ist der zweite Teil der Wiedergutmachung»? «Gehe jetzt den Weg zum Haus zurück und sammle alle Federn wieder ein».

Der Mann stammelte verwirrt: «Ich kann doch unmöglich all die Federn wieder einsammeln! Ich habe sie wahllos verstreut, mal eine hierhin, mal eine dorthin. Inzwischen hat der Wind sie in alle Himmelsrichtungen getragen. Wie könnte ich sie jemals alle wieder einfangen»?

Der Nachbar nickte ernst. «Das wollte ich hören! Genauso ist es mit der Nachrede und der Verleumdung. Einmal ausgestreut, fliegen sie durch alle Winde, wir wissen nicht, wohin. Und man kann sie nicht wieder zurückholen. »

Gabriele Steinbach. In: https://www.geschichten-netzwerk.de/coaching-therapie/geschichten/das-gerücht/ (Zugriff am 3.4.2018 )